Norddeutschland ist flach, zumindest größtenteils. Wo keine Berge Schutz boten, suchten Burgherren ihn im Wasser: Seen, Flussarme und gegrabene Gräben umgeben viele Anlagen zwischen Münsterland und Mecklenburg. Später, als Verteidigung keine Rolle mehr spielte, wurde das Wasser zur Bühne, auf der sich Schlösser spiegelten. Nur der Harz macht eine Ausnahme; dort steht Schloss Wernigerode wie eine Höhenburg über der Stadt.
Schweriner Schloss
Auf einer Insel zwischen dem Schweriner See und dem kleineren Burgsee stand schon im 10. Jahrhundert eine slawische Burg. Die Herzöge von Mecklenburg bauten sie über Jahrhunderte aus, doch ihr heutiges Gesicht erhielt die Anlage erst unter Großherzog Friedrich Franz II. Von 1845 bis 1857 ließ er das Schloss umfassend umgestalten, zunächst nach Plänen von Georg Adolph Demmler, ab 1851 unter Friedrich August Stüler – demselben Architekten, der die Burg Hohenzollern entwarf. Für die Silhouette mit ihren vielen Türmen, Giebeln und Dächern wird oft das Loire-Schloss Chambord als Vorbild genannt.
1913 zerstörte ein Brand rund ein Drittel des Schlosses, darunter mehrere Prunkräume. Nach dem Ende der Monarchie wurde 1921 ein Schlossmuseum eingerichtet, und seit 1990 tagt hier der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Im Museum sind die großherzoglichen Wohn- und Festräume zu sehen, nebenan wird Landespolitik gemacht. Durch die Gänge geistert der Sage nach das Petermännchen, ein kleiner Schlossgeist, dem eine Figur an der Hoffassade gewidmet ist.
Zum Schloss gehören der Burggarten auf der Insel mit seiner Orangerie und der weite Schlossgarten südlich davon, an dessen Gestaltung auch Peter Joseph Lenné beteiligt war. Im Juli 2024 nahm die UNESCO das „Residenzensemble Schwerin – Kulturlandschaft des romantischen Historismus“ in die Welterbeliste auf. Gewürdigt wird nicht das Schloss allein, sondern die großherzogliche Residenzstadt mit Bauten, die zwischen 1825 und 1883 entstanden.
Wasserburgen im Münsterland
Im Münsterland gibt es kaum Felsen, dafür Grundwasser, Bäche und feuchte Niederungen. Wer hier eine Burg bauen wollte, schützte sie deshalb mit Wasser. So entstand eine Landschaft mit ungewöhnlich vielen Wasserburgen und Wasserschlössern. Typisch ist die Teilung in eine Vorburg mit Wirtschaftsgebäuden und eine Hauptburg mit den Wohnbauten, jede auf einer eigenen Insel und nur über Brücken erreichbar. Die 100-Schlösser-Route, ein Radwegenetz von rund 1.000 Kilometern, verbindet viele dieser Anlagen.
Burg Vischering am Nordrand von Lüdinghausen zeigt das Prinzip in Reinform. Bischof Gerhard von der Mark ließ sie um 1271 auf einer Sandinsel in einem Arm der Stever errichten, um die Rechte des Bistums Münster gegen die Ritter von Lüdinghausen durchzusetzen. Die Familie, die sie als Lehen erhielt, nennt sich seit dem 14. Jahrhundert Droste zu Vischering und besitzt die Burg bis heute. Nach einem Brand 1521 wurde die Hauptburg bis 1580 im Stil der Renaissance wieder aufgebaut; von 1617 bis 1622 kam die Auslucht hinzu, ein Erker, der über die Gräfte hinausragt.

Seit den 1970er-Jahren ist die Burg ein Museum, dessen Dauerausstellung 2018 nach einem Umbau neu eröffnet wurde. Bei einem Gang um den Hausteich sehen Sie, wie Wasser, Wall und Brücken zusammenwirken. In der Ortsmitte von Lüdinghausen steht mit Burg Lüdinghausen eine zweite Wasserburg. Weitere bekannte Anlagen der Region sind Burg Hülshoff, das Geburtshaus der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, und Schloss Nordkirchen, das wegen seiner Größe gern „Westfälisches Versailles“ genannt wird.
Schloss Wernigerode
Am Nordrand des Harzes erhebt sich über der Fachwerkstadt Wernigerode ein Schloss, das aus der Ferne wie eine mittelalterliche Burg wirkt. Tatsächlich entstand hier schon zwischen 1110 und 1120 eine Burg, die später zur barocken Residenz der Grafen zu Stolberg-Wernigerode umgebaut wurde. Ihr heutiges Bild mit spitzen Türmen, Zinnen und Fachwerkgiebeln erhielt sie aber erst von 1862 bis 1885 unter Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, der als Vizekanzler unter Bismarck zu den einflussreichen Politikern des Kaiserreichs gehörte.
Seit 1998 versteht sich das Schloss als Museum für die Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Rund 50 der etwa 250 Räume sind zu sehen und zeigen, wie der hohe Adel bis 1918 wohnte, feierte und repräsentierte. Von den Terrassen geht der Blick über die Altstadt zum Brocken, dem höchsten Berg Norddeutschlands. In der Stadt lohnen das Rathaus mit seinen Fachwerktürmchen und die Schmalspurbahn, die mit Dampflokomotiven auf den Brocken fährt. Rund 25 Kilometer östlich liegt Quedlinburg, das wir unter Historische Orte vorstellen.
Residenzen in Niedersachsen
Schloss Celle
Aus einem Wehrturm an einer Furt über die Aller wuchs die Residenz der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, die ab 1378 in Celle hofhielten. Die Vierflügelanlage mit Ecktürmen trägt Züge der Weserrenaissance, ab 1670 gab ihr Herzog Georg Wilhelm barocke Fassaden und Turmhauben. Zwei Räume ragen heraus: die Schlosskapelle, deren Renaissanceausstattung von 1565 bis 1576 entstand, und das Schlosstheater aus den 1670er-Jahren, eines der wenigen erhaltenen Barocktheater Norddeutschlands. Von 1772 bis 1775 lebte hier die verbannte dänische Königin Caroline Mathilde, eine Schwester des britischen Königs Georg III. Ein Residenzmuseum erzählt die Geschichte der Welfen und des Königreichs Hannover.
Schloss Marienburg
Südlich von Hannover steht auf dem Marienberg bei Pattensen das Schloss, das König Georg V. von Hannover seiner Frau Marie zum Geburtstag schenkte. Ab 1858 errichtete es Conrad Wilhelm Hase, später gestaltete Edwin Oppler die Innenräume; das Ergebnis gilt als eines der bedeutendsten neugotischen Bauwerke in Deutschland. Bewohnt wurde es nur kurz, denn nach der Annexion Hannovers durch Preußen 1866 ging die Königin 1867 ins Exil. Seit 2023 ist das Schloss wegen gravierender Schäden an der Dachkonstruktion weitgehend geschlossen, und die Sanierung wird nach derzeitigem Stand noch Jahre dauern.
Das Holstentor in Lübeck
Kein Schloss und keine Burg, aber ein Wahrzeichen der Wehrarchitektur: Das Holstentor entstand von 1464 bis 1478 unter dem Ratsbaumeister Hinrich Helmstede als Teil der westlichen Stadtbefestigung. Zwei runde Türme mit Kegeldächern flankieren den Mittelbau aus rotem und schwarz glasiertem Backstein. Zur Feldseite sind die Mauern rund 3,5 Meter dick, zur Stadt hin keinen Meter – das Tor sollte Angreifer abwehren und die Bürger zugleich mit seiner Pracht beeindrucken. Der weiche Untergrund ließ den Bau schon während der Errichtung absacken, die Schräglage ist bis heute zu sehen.
Fast wäre das Tor im 19. Jahrhundert abgerissen worden; 1863 entschied sich die Bürgerschaft mit nur einer Stimme Mehrheit für die Restaurierung. Seit 1871 trägt die Feldseite die Inschrift „Concordia domi foris pax“ – Eintracht drinnen, draußen Friede. Im Inneren zeigt ein Museum die Geschichte der Hansestadt, deren Altstadt seit 1987 zum UNESCO-Welterbe gehört.
Besuch planen
Die Ziele liegen weit auseinander und lassen sich am besten in Etappen besuchen: Schwerin und Lübeck im Nordosten, Celle und Marienburg rund um Hannover, Wernigerode im Harz, Vischering im Münsterland.
So kommen Sie hin
- Mit der Bahn
- Schwerin, Lübeck, Celle und Wernigerode haben Bahnhöfe in Gehweite: Zum Holstentor sind es nur wenige Minuten, zum Schweriner und zum Celler Schloss rund 20 Minuten zu Fuß. Lüdinghausen liegt an der Bahnstrecke von Dortmund ins westliche Münsterland.
- Mit dem Rad
- Burg Vischering liegt an der 100-Schlösser-Route; im Münsterland ist das Rad das naheliegende Verkehrsmittel.
- Zu Fuß
- Zum Schloss Wernigerode führen aus der Altstadt Wege in etwa 20 bis 30 Minuten bergauf.
- Barrierefreiheit
- Die Wasserburgen im Flachland sind meist gut erreichbar, in den historischen Räumen gibt es aber oft Stufen. Wernigerode liegt am Berg.
Fahrpläne und Zufahrten ändern sich. Bitte prüfen Sie vor der Reise die aktuellen Angaben der Verkehrsverbünde und der Schlossverwaltungen.
Häufige Fragen
Was ist eine Wasserburg?
Eine Burg, die statt durch einen Berg durch Wasser geschützt ist: durch einen See, einen Flussarm oder einen gegrabenen Graben. Im Münsterland liegen Haupt- und Vorburg oft auf getrennten Inseln. Mehr dazu im Glossar.
Ist das Schweriner Schloss Museum oder Parlament?
Beides. Der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern tagt seit 1990 im Schloss, große Teile mit den historischen Wohn- und Festräumen sind als Schlossmuseum zugänglich.
Kann man Schloss Marienburg besichtigen?
Derzeit nur sehr eingeschränkt oder gar nicht, denn seit 2023 ist das Schloss wegen Bauschäden weitgehend geschlossen. Den aktuellen Stand veröffentlicht die Stiftung Schloss Marienburg.
Lassen sich Schwerin und Lübeck verbinden?
Ja. Die beiden Städte liegen nur rund 60 Kilometer auseinander. Schloss am Vormittag, Altstadt und Holstentor am Nachmittag ergeben einen vollen, aber gut machbaren Tag.
