Eisenach liegt am Nordwestrand des Thüringer Waldes, und über der Stadt erhebt sich auf einem bewaldeten Felsrücken die Wartburg. Rund 220 Meter Höhenunterschied trennen Altstadt und Burghof, und doch sieht man die Burg aus vielen Gassen. In ihren Mauern verdichtet sich Geschichte aus fast tausend Jahren: Landgrafen und Minnesänger, eine Heilige, ein Reformator im Versteck, Studenten mit politischen Forderungen. 1999 nahm die UNESCO die Wartburg in die Welterbeliste auf, als Denkmal der Feudalzeit und als Ort, der mit Ereignissen von weltweiter Wirkung verbunden ist.
Die Wartburg
Gründungssage und Landgrafen
Der Überlieferung nach stand Graf Ludwig der Springer im Jahr 1067 auf dem Berg und rief: „Wart, Berg, du sollst mir eine Burg werden.“ Ob der Satz je fiel, weiß niemand. Historiker setzen die Gründung zwischen etwa 1063 und 1080 an, und 1080 wird die Burg erstmals schriftlich erwähnt. Gesichert ist der Aufstieg der Ludowinger, die von hier aus als Landgrafen von Thüringen herrschten. Um 1156 bis 1162 ließ Landgraf Ludwig II. den Palas errichten; die Balken des Erdgeschosses datiert die Dendrochronologie auf 1157/58. Er gilt als einer der besterhaltenen romanischen Profanbauten nördlich der Alpen.
Sängerkrieg und heilige Elisabeth
Unter Landgraf Hermann I., der von 1190 bis 1216 regierte, wurde der Landgrafenhof zu einem Zentrum höfischer Dichtung; Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach hielten sich an ihm auf. Daraus erwuchs später die Legende vom Sängerkrieg auf der Wartburg, einem Dichterwettstreit, den es so wohl nie gegeben hat. Chronisten des späten Mittelalters fügten ihn aus literarischen Quellen zusammen, Richard Wagner machte ihn 1845 mit seiner Oper „Tannhäuser“ weltberühmt.
Wenige Jahre nach Hermanns Tod hatte die Burg eine Bewohnerin, die sie bis heute prägt. Elisabeth, Tochter des ungarischen Königs, kam 1211 als kleines Kind auf die Wartburg und heiratete 1221 Landgraf Ludwig IV. Sie wandte sich den Armen und Kranken zu, verließ die Burg nach dem Tod ihres Mannes 1227 und starb 1231 in Marburg; schon 1235 wurde sie heiliggesprochen. An sie erinnern die Elisabethgalerie mit Fresken Moritz von Schwinds von 1855 und die Kemenate mit schimmernden Glasmosaiken, die von 1902 bis 1906 entstanden.
Luther und das Wartburgfest
Junker Jörg übersetzt das Neue Testament
Am 4. Mai 1521, auf der Rückreise vom Reichstag in Worms, wurde der geächtete Martin Luther auf Veranlassung seines Landesherrn Friedrich des Weisen zum Schein überfallen und auf die Wartburg gebracht. Dort lebte er mit Bart und Ritterkleidung als „Junker Jörg“ bis zum 1. März 1522. In nur rund elf Wochen übersetzte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche; gedruckt erschien es im September 1522. Die schlichte Lutherstube in der Vogtei gehört bis heute zu den Räumen, wegen derer die meisten Besucher kommen.
Das Wartburgfest von 1817
Am 18. Oktober 1817 versammelten sich rund 500 Studenten und einige Professoren mehrerer deutscher Universitäten auf der Burg. Anlass waren der 300. Jahrestag der Reformation und der vierte Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. Die Teilnehmer forderten einen geeinten, freiheitlich verfassten deutschen Staat. Das Fest gilt als eine der ersten großen politischen Kundgebungen des Bürgertums in Deutschland.
Wiederaufbau im 19. Jahrhundert
Damals war die Burg in schlechtem Zustand. Goethe, der sie seit 1777 immer wieder besuchte, machte sich für ihre Pflege stark; den Wiederaufbau setzte aber erst Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach durch. Mit dem Architekten Hugo von Ritgen wurde ab 1847 der Palas restauriert, von 1853 bis 1859 entstand der heutige Bergfried, und viele Räume erhielten eine Ausstattung im Geist des Historismus. Was Besucher heute sehen, ist deshalb beides: echte Romanik und das Mittelalterbild des 19. Jahrhunderts.
Vorbild für Neuschwanstein
Im Sommer 1867 reiste Ludwig II. von Bayern nach Eisenach. Er wollte die Burg sehen, die Wagner im „Tannhäuser“ als Schauplatz gewählt hatte, und ließ Zeichnungen der Ornamente anfertigen. Zwei Jahre später begann der Bau von Neuschwanstein. Von Anfang an sollte das neue Schloss eine größere und prächtigere Fassung des Wartburg-Sängersaals erhalten; das Ergebnis verbindet Motive aus Sängersaal und Festsaal der Wartburg.
Weitere Burgen in Thüringen
Thüringen war über Jahrhunderte in viele kleine Herrschaften zersplittert, und jede brauchte ihren Sitz. Vier Ziele ergänzen einen Besuch der Wartburg besonders gut.
Leuchtenburg
Hoch über dem Saaletal bei Seitenroda, nicht weit von Kahla, steht die Leuchtenburg, die man in der Region die „Königin des Saaletals“ nennt. Erstmals erwähnt wird sie 1221. Ihre spätere Geschichte ist düster: Vom frühen 18. Jahrhundert bis 1871 diente sie als Zuchthaus, Armen- und Irrenhaus. Seit 1906 beherbergt sie ein Museum, seit 2007 gehört sie einer Stiftung, die die Burg mit Ausstellungen rund um das Porzellan und einem modernen Anbau neu belebt hat. Von einem Steg, der weit über den Hang hinausragt, blicken Sie hinunter ins Tal.
Drei Gleichen
Zwischen Gotha und Arnstadt, gut sichtbar von der Autobahn 4, krönen drei Burgen drei benachbarte Kuppen: die Burg Gleichen bei Wandersleben, die Mühlburg bei Mühlberg und die Veste Wachsenburg bei Holzhausen. Sie gehörten nie denselben Herren und sehen ganz verschieden aus; die Mühlburg reicht bis ins frühe 8. Jahrhundert zurück. Den gemeinsamen Namen erklärt eine Sage: Am 31. Mai 1231 soll ein Kugelblitz alle drei zugleich getroffen haben, sodass sie brannten wie drei gleiche Fackeln. Burg Gleichen und Mühlburg sind heute Ruinen, die Wachsenburg ist ausgebaut. Die Landschaft gehört zum UNESCO-Geopark Inselsberg – Drei Gleichen.
Veste Heldburg
Im äußersten Süden Thüringens, nahe der Grenze zu Franken, sitzt die Veste Heldburg auf einem rund 405 Meter hohen Vulkankegel über dem Städtchen Heldburg. Herzog Johann Friedrich der Mittlere ließ die mittelalterliche Burg ab 1560 durch Nikolaus Gromann zu einer Residenz der Renaissance ausbauen; der „Französische Bau“ mit seinen Erkern ist das Glanzstück. Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen erneuerte die Anlage von 1874 bis 1898. Nach einem schweren Brand 1982 wurde sie lange restauriert und beherbergt seit 2016 das Deutsche Burgenmuseum – ein guter Ort, um die Begriffe aus unserem Glossar am Original zu prüfen.
Schloss Friedenstein in Gotha
Einen Gegensatz zu den Höhenburgen bildet Schloss Friedenstein, das Herzog Ernst I., genannt der Fromme, von 1643 bis 1654 errichten ließ – mitten im Dreißigjährigen Krieg, worauf auch der Name anspielt. Die frühbarocke Vierflügelanlage gilt als einer der bedeutendsten Schlossneubauten des 17. Jahrhunderts in Deutschland. Im Westturm liegt das Ekhof-Theater mit seiner barocken Bühnenmaschinerie, dazu kommen Kunstkammer, Münzkabinett und ein Naturkundemuseum. Der Park südlich des Schlosses entstand ab 1765 und gilt als einer der frühesten Landschaftsgärten nach englischem Vorbild auf dem Kontinent.
Besuch planen
Für die Wartburg sollten Sie einen halben Tag einplanen, mit Eisenachs Altstadt einen ganzen; Frühjahr und Herbst sind ruhiger als die Sommerferien. Gotha liegt an derselben Bahnstrecke nur eine kurze Fahrt entfernt, die Drei Gleichen erreichen Sie von dort mit dem Auto in einer knappen halben Stunde. Leuchtenburg und Heldburg liegen weiter östlich beziehungsweise im Süden und eignen sich eher für einen eigenen Tag.
So kommen Sie zur Wartburg
- Mit der Bahn
- Eisenach liegt an der Bahnstrecke zwischen Frankfurt am Main und Erfurt. Vom Bahnhof fahren Busse in Richtung Wartburg.
- Mit dem Auto
- Über die A 4, Abfahrten bei Eisenach; Parkplätze unterhalb der Burg, von dort noch ein kurzer, steiler Fußweg.
- Zu Fuß
- Mehrere ausgeschilderte Wege führen aus der Altstadt durch den Wald hinauf; rechnen Sie mit etwa 45 Minuten bergauf.
- Barrierefreiheit
- Steiles Pflaster am Zugang und Treppen in den historischen Bauten; nur eingeschränkt zugänglich.
Fahrpläne und Zufahrten ändern sich. Bitte prüfen Sie vor der Reise die aktuellen Angaben der Verkehrsverbünde und der Wartburg-Stiftung.
In Eisenach
Das Bachhaus erinnert an Johann Sebastian Bach, der 1685 in Eisenach geboren wurde, das Lutherhaus an Luthers Schulzeit in der Stadt.
Thüringer Wald
In Hörschel bei Eisenach beginnt der Rennsteig, ein Kammweg von rund 170 Kilometern durch den Thüringer Wald.
Häufige Fragen
Wie viel ist auf der Wartburg noch mittelalterlich?
Der Palas aus dem 12. Jahrhundert ist der wichtigste originale Bau und in seiner Substanz gut erhalten. Bergfried, Teile der Ausstattung und einige Nebengebäude stammen dagegen aus dem Wiederaufbau des 19. Jahrhunderts.
Hat Luther wirklich ein Tintenfass nach dem Teufel geworfen?
Das gilt als Legende; Luther selbst berichtet nirgends von einem solchen Wurf. Schriften und Bilder zu einem Tintenfleck in der Lutherstube gibt es seit etwa 1650, und der Fleck wurde mehrfach nachgemalt. Heute ist von ihm nichts mehr zu sehen.
Ist die Wartburg die Burg aus Wagners „Tannhäuser“?
Ja. Wagner verlegte den legendären Sängerkrieg auf die Wartburg und verband ihn mit der Sage vom Minnesänger Tannhäuser. Der Sängersaal im Palas erinnert an diese Überlieferung.
Lassen sich Wartburg und Gotha an einem Tag verbinden?
Ja, beide Städte liegen an derselben Bahnstrecke. Mit Wartburg am Vormittag und Schloss Friedenstein am Nachmittag wird es aber ein voller Tag.
